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[Altes Thema | geschlossen ] Rund um den Puck

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WARUM KONTROLLE IM HOCKEY NICHT ERWÜNSCHT SEIN SOLL -- DAS SCHÖNE SPIEL, NICHT DAS PERFEKTE

Ich lese und höre immer mal wieder, dass ein Eishockeyspiel aus lauter Fehlern bestehe und dass wir das perfekte, das fehlerlose Spiel anstreben müssen.

Mit Hilfe von analytischen Tools werden zudem die Coaches mit unzähligen Daten gefüttert, die vermutlich (zu) oft dazu verwendet werden, dem Spieler die Fehler, die Mängel aufzuzeigen (Laufwege, Spiel ohne Scheibe, Transition, Systemtreue etc. etc.). Es gibt einen Trend, alles zu kontrollieren, denn ein Coach sieht vor allem immer die Gefahr und sieht sich in der Defensive; er beruhigt sich mit statistischem Datenmaterial, Fakten und Vorhersagen… die aber die Instinkte der Spieler versiegen lassen. Die Spieler gehen heute manchmal zu respektvoll mit den Anordnungen um. Dies sind gefährliche Tendenzen, denn am Ende will niemand fehlerloses, langweiliges Systemhockey sehen, und noch wichtiger: Kaum jemand will dies spielen, am Ende haben sie es satt, Eishockeyspieler zu sein.

Mein Plädoyer hat nichts mit romantischer Verklärtheit zu tun, sondern mit dem Verlangen und dem Anspruch an Grosszügigkeit. Ich will Hockeyteams sehen, die attraktiv UND erfolgreich spielen. Ich will Hockeyteams sehen, die dem Talent die freie Entfaltung erlauben und war froh, dass die eher wenig talentierten Ottawa Senators im Halbfinal den Schönspielern aus Pittsburgh – wenn auch nur sehr knapp und letztlich auch aufgrund von Zufälligkeiten - unterlegen sind. Wenn die Senators mit ihrem eher destruktiven Stil gewonnen hätten, dann würden sie als besonders schlau gelten und viele Teams hätten sie kopiert.

Zum Glück haben die Götter beschlossen, der attraktiven, der spektakulären Idee von Eishockey zum Sieg zu verhelfen und somit gelten für dieses Jahr die Stanley-Cup-Sieger aus Pittsburgh als Trendsetter; sie sind bestückt mit vielen hoch begabten Spielern, gleichzeitig stellten sie eines der kleinsten und leichtesten Teams. Dies gibt mir die Hoffnung, dass andere Teams – nicht nur in der NHL – diese Teamzusammensetzung zu kopieren versuchen.

DIE MUTIGEN SOLLEN BELOHNT WERDEN

Wir, die Kritiker, die Experten, die Fans, die Chronisten, müssen Druck auf die Teams und vor allem auf die Coaches und Vereinsverantwortlichen ausüben, grosszügiges, mutiges, spektakuläres Eishockey spielen zu lassen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass eine Mannschaft allein auf Ergebnis spielt, denn dann kommt es zu oft zu paradoxen Situationen, dass ein Pfostenschuss auf der einen und ein unkontrollierter Ablenker auf der anderen Seite darüber entscheiden, wer als Held gefeiert wird und wer sich lächerlich macht.

Wir dürfen die Intelligenz der Muskeln nicht unterschätzen.

Es gibt kaum Mannschaften in der Geschichte des Eishockeys, die im Gedächtnis geblieben sind, nur weil sie in der Lage waren, dem Gegner Paroli bieten zu können. Die wirklich grossen Mannschaften hatten unsere Bewunderung, weil sie über einige Spieler der Extraklasse verfügten, Spieler, die Dinge aufs Eis zauberten, die sonst niemand kann.

Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass es bei einigen Coaches gibt, die noch immer einen Mangel an Vertrauen in die Spielintelligenz der Spieler haben. Sie versuchen deshalb, selbst kleine Details theoretisch aufzuzeigen und vorzuschreiben, ohne anzuerkennen, dass die Spieler diese Probleme von selbst lösen können. Das Problem ist, dass die Spieler manchmal nicht in der Lage sind, Lösungen korrekt in Worten auszudrücken, aber Eishockey spielen wir nicht mit geschliffener Rhetorik, wir dürfen die Intelligenz der Muskeln nicht unterschätzen. Viel mehr müssen wir die Spieler dazu bringen, eine besondere Beziehung zum Puck zu entwickeln, nur dann ist auch eine positive Beziehung zu den Mitspielern möglich.

DIE KONTROLLE BIRGT GEFAHREN

Ich glaube auch, dass ein Coach nicht nur durch das, was er den Spielern sagt, erfolgreich ist, sondern auch durch das, was er ihnen verschweigt. Was ich damit auch sagen will: Wir müssen fordern und fördern, dass die Talente für sich sprechen. Die Liebhaber der Kontrolle verstricken sich oft im Irrweg, alle Spieler gleich zu behandeln. Wenn ich als Spieler in einer Linie mit Connor McDavid oder Willie Nylander spiele, dann kann ich nicht dieselben Freiheiten einfordern wie Nylander; die Mannschaft braucht keine Gleichmacherei, sondern eine Art ökologisches Gleichgewicht, so dass jeder seine spezifischen Stärken in die Waagschale werfen kann. Ein Coach soll zulassen, dass Talente für sich sprechen.

Die Offensive, das Spiel mit Scheibenbesitz des eigenen Teams, sollte wie ein Labor sein, in dem Experimente durchgeführt werden. Es sind ja auch die Fehler, die uns weiterbringen, von denen wir lernen. Das Spiel mit Scheibenbesitz des gegnerischen Teams, das Spiel ohne Scheibe, darf, ja muss, mehr strukturiert sein. In diesen Situationen geht es darum, die gegnerische Kreativität zu behindern und dies gelingt meistens damit, dass wir mehr eigene Spieler in Pucknähe positioniert haben als der Gegner. Dies wiederum ist weniger eine Frage des gewählten Systems, sondern mehr das Resultat von mehr oder weniger Skating als der Gegner. Fitness, Kampfkraft, Willen und Skatingtechnik führen zu mehr Skating.

Im Spiel mit der Scheibe plädiere ich für kreatives Chaos und Tempofestigkeit. Die finnische U18- Auswahl am Ivan Hlinka Memorial Cup war mit guten Offensivtalenten bestückt, ist aber irgendwie an der eigenen Überorganisation gescheitert. Die Angriffsauslösung war immer sehr geordnet und klar - dies vor allem aber auch für den Gegner, somit sind die Finnen mit einer talentmässig guten Mannschaft hochkant gescheitert.

In Scheibenbesitz soll das Eishockey wie gut improvisierter Jazz klingen.

Dies ist ein Plädoyer für das das schöne und nicht für das perfekte Spiel. Wer perfekt spielen will, hat keine Kapazitäten mehr, um kreativ zu sein. Das Spiel mit der Scheibe muss für den Gegner unberechenbar bleiben. Von Spielern, welche den Puck streicheln können, fordere ich, dass sie Risiken eingehen, mit ihrer Magie versuchen, Überzahlsituationen zu kreieren und dies auch im Bewusstsein, dass dies schmerzliche Scheibenverluste resultieren können. Ich fordere von unseren Ausbildnern, dass sie die Entwicklung von Offensivverteidigern fördern und das so genannte “High-Percentage- Hockey” auf Nachwuchsstufe nur von den sehr einfach gestrickten Spielern verlangen.

Wenn Scheibenbesitz-Hockey wie Mozart klingt, dann sind die kommenden “Melodieabfolgen” im Vornherein klar, logisch und durchschaubar, vor allem aber auch für den Gegner. In Scheibenbesitz soll das Eishockey wie gut improvisierter Jazz klingen, so dass wir den überragenden Einzelkönnern freie Entfaltung, Spontaneität, Kreativität erlauben, nur so erreichen sie ihr höchstes Niveau. Spieler wie Erik Karlsson verkaufen mehr Tickets als die unzähligen „No-Names“ die „nur“ das vorrangige Ziel kennen, die Scheibe so schnell wie möglich aus dem eigenen Drittel zu „chippen“ und am Ende des Tages geht es exakt darum: Ein Zuschauermagnet zu sein mit dem Potenzial für Unerwartetes, Magisches, Spektakuläres.

http://sport.ch.sportalsports.com//sportch/generated/article/eishockey/2017/08/19/warum-kontrolle-im-hockey-nicht-erwuenscht-sein-soll-das-schoene-spiel-nicht-das-perfekte-id55062500000.html

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